Freistellen ohne Greenscreen: was die KI heute wirklich kann — und was sie kostet
„Mit KI brauchen Sie kein grünes Tuch mehr." Der Satz steht inzwischen in fast jedem Prospekt. Er stimmt — teilweise. Was nie danebensteht, sind die Zahlen, an denen im Saal alles hängt: wie lange eine Freistellung dauert, auf welcher Hardware, und was passiert, wenn beides nicht zusammenpasst.
Wir haben nachgemessen, an vier echten Kamerafotos mit 30 Megapixeln. Die Ergebnisse sind unbequemer als der Prospekt.
Was „KI-Freistellung" technisch ist
Ein Modell schätzt für jedes Pixel, wie sehr es zum Motiv gehört — nicht nur ja oder nein, sondern anteilig. Genau das ist bei Haaren entscheidend: eine einzelne Strähne deckt ein Pixel zu dreißig Prozent ab, und wer daraus ein hartes Ja oder Nein macht, bekommt den ausgeschnittenen Pappkameraden, den man sofort erkennt.
Es gibt zwei Familien. Kleine Modelle laufen in Millisekunden und stecken in der Software. Große Modelle sehen an der Haarkante deutlich mehr, wiegen aber ein halbes Gigabyte und rechnen entsprechend länger.
Die Zahl, die niemand nennt: Rechenzeit
Gemessen an einem 30-Megapixel-Foto, jeweils die reine Rechenzeit des Modells:
- Eingebautes Modell: 0,2 Sekunden mit Grafikkarte — 0,85 Sekunden ohne.
- Großes Modell: 2,5 bis 3,0 Sekunden mit Grafikkarte — 23 Sekunden ohne.
Dieselbe Datei, derselbe Programmcode, Faktor acht Unterschied. Nicht die Software entscheidet das, sondern der Rechner unter dem Tisch. Und 23 Sekunden sind kein „etwas langsamer": So lange steht ein Gast vor der Box und weiß nicht, ob noch etwas kommt.
Die Frage an einen Anbieter lautet deshalb nicht „Können Sie KI-Freistellung?", sondern: „Wie lange dauert sie auf genau dem Rechner, den ich einsetze?" Wer darauf keine gemessene Zahl nennen kann, hat es nie geprüft. Bei BoothDock steht die Zeit neben jedem Modell — gemessen auf der Box selbst, nicht aus unserer Doku übernommen.
Mehr Auflösung macht es schlechter, nicht besser
Der naheliegende Gedanke: Wenn die Kante unsauber ist, rechne ich eben in höherer Auflösung. Das Gegenteil ist der Fall — und diesen Fehler haben wir selbst gemacht.
Ein Freistellungsmodell wird auf eine bestimmte Bildgröße trainiert, typischerweise 512 Pixel. Gibt man ihm 2048, ändert sich nicht seine Sehschärfe, sondern sein Blickfeld: Es sieht nur noch Ausschnitte und erkennt den Menschen nicht mehr als Ganzes. Das Ergebnis zerfällt in Fragmente. Ein Regler, der bis 4096 geht, ist deshalb kein Qualitätsmerkmal, sondern eine Falle.
Umgekehrt gilt es aber auch nicht. Bei 512 verlor dasselbe Modell an einem 30-MP-Foto eine ganze Schulter — dunkle Jacke vor dunklem Laub, zu wenig Unterschied für das Modell. Richtig war in beiden Fällen 1024. Wenn Ihnen jemand einen Qualitätsregler zeigt, fragen Sie, worauf das Modell trainiert wurde. Alles darüber ist keine Reserve, sondern Risiko.
Die Reihenfolge, an der die meisten scheitern
Fast jede Fotobox bietet Filter an — Schwarzweiß, Sepia, kräftige Farben. Und fast überall wird zuerst der Filter ins Bild gerechnet und danach freigestellt. Das ist genau verkehrt herum, aus drei Gründen:
- Die Grünstich-Entfernung rechnet mit echtem Grün. Nach einem Warmton-Filter ist das Grün kein Grün mehr.
- Die Kantenverfeinerung benutzt das Farbbild zur Orientierung. Gemessen an echten Fotos: mit Farbe verbessert sie die Kante um vierzehn Prozent, auf einem Schwarzweiß-Bild verschlechtert sie sie um einundzwanzig Prozent. Ein Mono-Filter nimmt ihr genau das, was sie zum Arbeiten braucht.
- Das Modell wurde auf natürliche Fotos trainiert. Ein „Pop"-Look ist für es Bildrauschen.
Richtig ist: erst freistellen, dann den Look über das fertige Bild legen — dann liegt er auch über dem neuen Hintergrund, was ohnehin stimmiger aussieht. Bei einer Vorführung lassen Sie ein Foto mit kräftigem Schwarzweiß-Filter und Freistellung machen. An der Haarkante sehen Sie sofort, in welcher Reihenfolge gerechnet wird.
Wann das grüne Tuch trotzdem gewinnt
KI ersetzt den Greenscreen nicht überall. Drei Gründe sprechen weiter für das Tuch:
- Der Gast sieht sich vorher im Hintergrund. Ein Chroma-Key läuft im Sucher mit, praktisch ohne Verzögerung. Ein großes KI-Modell braucht knapp drei Sekunden — für eine Live-Vorschau zu langsam.
- Es läuft auf jeder Hardware. Ein grünes Tuch braucht keine Grafikkarte, sondern gleichmäßiges Licht.
- Es ist berechenbar. Gut ausgeleuchtetes Grün liefert immer dasselbe Ergebnis. Die KI ist bei schwierigen Motiven mal besser und mal schlechter.
Die KI gewinnt dort, wo kein Platz für ein Tuch ist, wo der Aufbau in fünf Minuten stehen muss — und bei Gästen mit Hut, Brille oder hochgehaltenen Requisiten, an denen ein Chroma-Key gern scheitert.
Worauf Sie beim Kauf achten sollten
- Lassen Sie sich die gemessene Rechenzeit auf Ihrer Hardware zeigen, nicht auf der Vorführmaschine des Anbieters.
- Fragen Sie, ob es einen Rückfall auf das schnelle Modell gibt, wenn der Rechner zu langsam ist — sonst wartet der Gast.
- Prüfen Sie die Reihenfolge von Filter und Freistellung an einem Bild mit kräftigem Look.
- Fragen Sie nach der Trainingsauflösung, bevor Sie einen Qualitätsregler hochziehen.
- Lassen Sie sich ein Ergebnis in Originalgröße zeigen, nicht als Vorschaubild. Auf achthundert Pixel Breite sieht jede Freistellung gut aus.